Unser AKS


Fotos: Westend-Presseagentur, Diablos
Panoramas: Martin Schmeißer

Der Ursprung unseres Alfred-Kunze-Sportparks datiert auf 1919, als die Planungen eines „Spielplatzes“ in Leutzsch konkret wurden. Ein Jahr darauf waren mehrere Spielfelder fertiggestellt, darunter auch Fußballplätze.

Es dauerte nicht lange, da lockte der Fußballbetrieb die Massen nach Leutzsch. Diese Begeisterung brachte in frühen Jahren den steten Ausbau der Anlage mit sich. Heute ist unser Stadion eines der wenigen verbliebenen reinen Fußballstadien in Deutschland. In seiner Geschichte spiegelt sich die Historie eines Stadtteils, einer Stadt, eines Landes. Sie reicht zurück bis an die Anfänge der Arbeiterturnvereine in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Damals war die Gemeinde Leutzsch noch eigenständig und ihre Bürger beschlossen, sich eine Sportstätte am Leutzscher Holz zu errichten. So siedelten sich hier bald die unterschiedlichsten Fußball-, Turn- und Sportvereine der kleinen Gemeinde an und auch nach der Eingemeindung nach Leipzig wuchs die Sportstätte beständig weiter, so wie der Stadtteil Leutzsch und das aufstrebende Leipzig wuchsen.

1925/26 entstand ein zweistöckiges Vereinsgebäude. Doch die Geschichte zog auch an Leutzsch nicht einfach vorbei. Und so wurden die Leutzscher Arbeitervereine ab 1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst und enteignet. In den Folgejahren musste der heutige Alfred-Kunze-Sportpark als Ausbildungsstätte für SA und Luftwaffe herhalten, bis 1935/36 mit dem SV Tura 1899 endlich wieder der Fußball nach Leutzsch zurückkehrte. Schon damals wurden die Begegnungen von bis zu 20.000 Zuschauern verfolgt. Doch schließlich beendete der 2. Weltkrieg diese neuerliche Episode des Leutzscher Fußballs.

In den Nachkriegsjahren machten die Leutzscher aus der Not eine Tugend und so fand die ausgediente Tribüne einer Regattastrecke ihren Weg nach Leutzsch und Trümmer wurden zum Norddamm geformt. Aus der Sportstätte wurde ab 1950 der Georg-Schwarz-Sportpark und mittlerweile strömten bis zu 30.000 Zuschauer in den Sportpark am Leutzscher Holz (1,2).

Auch damals schon machte die Politik nicht vor den Stadiontoren Halt. Der Georg-Schwarz-Sportpark wurde für viele Jahrzehnte zum Flucht- und Sehnsuchtsort unzähliger Jugendlicher, die vom real existierenden Sozialismus die Schnauze voll hatten. Diese Wut speiste sich auch aus den zahllosen Ränkespielen und Demütigungen, mit denen Sportfunktionäre und Parteibonzen die BSG Chemie zum „Rest von Leipzig“ degradierten. Allen Hürden zum Trotz holte ebendieser „Rest von Leipzig“ unter dem legendären Meistertrainer Alfred Kunze die DDR-Meisterschaft des Jahres 1964. Die Leutzscher Legende war geboren und der Name BSG Chemie in aller Munde. Mit dieser Meisterschaft begann die eigentliche Geschichte der BSG: eine Geschichte von Triumphen und Niederlagen, Pleiten und Neuanfängen, von Stolz und Trotz und immerwährender Renitenz.Es sind hunderte Geschichten und Anekdoten, und sie alle prägen den Alfred-Kunze-Sportpark und die BSG Chemie.

Wie der Alfred-Kunze-Sportpark seinen heutigen Namen bekam



Am 12. Dezember 1991 wurde zum Fantreffen in der Sachsenstube geladen. Zu dieser Zeit kamen gerade noch so 1.000 Fans gegen kleine und 3.000 Fans gegen namhafte Gegner nach Leutzsch. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass sich nur ca. 25 Fans einfanden. Nach einigem Hochlebenlassen alter Zeiten und der Suche nach dem Fortgang bei Chemie – unter anderem wurde in der Presse eine Fusion von Chemie und Lok lanciert – fragte ein 17-Jähriger nach der Sicht des Vereins zum Stadionnamen.

In der lokalen Presse wurde damals bei Spielen des FC Sachsen nämlich als Spielort nicht mehr der Georg-Schwarz-Sportpark genannt, sondern schleichend der Sportpark Leutzsch eingeführt. Der Name Georg Schwarz passte einigen wohl nicht mehr in die neue gesellschaftliche Lage. Leider hatte nun auch der FC Sachsen selber in den Programmheften diese Umbenennung stillschweigend vollzogen. In Reaktion auf ein Schulterzucken von den Vereinsverantwortlichen auf die Frage schlug der junge Fan nun vor, das Stadion soll doch bitte nach dem legendären Meistertrainer Alfred Kunze getauft werden, wenn man schon nicht mehr den Namen von Georg Schwarz tragen will.

Alle sprangen im Nu auf und applaudierten und bejubelten lautstark den Vorschlag – bis auf zwei Personen: Der eine war völlig überrascht über die beeindruckende Reaktion auf den eigenen Vorschlag und der andere war Alfred Kunze, der mit Tränen in den Augen am Tisch saß. Der Vorschlag wurde sofort von Präsident Volker Hecht aufgenommen und ein halbes Jahr später mit dem Spiel gegen eine Europaauswahl am 27. Mai 1992 vor 10.300 Zuschauern in die Tat umgesetzt.

"Wenn ihr mehr erfahren wollt über Georg Schwarz, den Norddamm und die Leutzscher Hölle, dann schaut auf folgenden Seiten und dreht danach einfach eine kleine digitale Runde und schaut euch um."

Namensgeber



Der Sportplatz in Leutzsch wurde im Sommer 1920 fertiggestellt und ging zunächst als „Leutzscher Spielplatz“ in die Geschichtsbücher ein, denn neben den Fußballplätzen war u.a. auch ein Turnplatz, eine Stafetten-Laufbahn und eine Springgrube vorgesehen.

Nach dem Krieg, im Jahr 1949, wurde der mittlerweile immer weiter vergrößerte Sportplatz in Georg-Schwarz-Sportpark umbenannt.

Seit dem 27. Mai 1992 trägt die Anlage den Namen Alfred-Kunze-Sportpark.

Die erneute Umbenennung entsprach dem damaligen Zeitgeist, sich von allem zu lösen, was als symbolisch für das DDR Regime verstanden wurde.

An dieser Stelle wollen wir die beiden geschichtsträchtigen Namensgeber vorstellen.

GEORG SCHWARZ

Sozialdemokratischer, später kommunistischer Politiker
* 27. März 1896 in Zwenkau
† 12. Januar 1945 in Dresden hingerichtet.

Georg Schwarz beteiligte sich in Leipzig aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er wohnte in der Gundorfer Straße, die im August 1945 aufgrund einer Unterschriftensammlung der Anwohner in Georg-Schwarz-Straße umbenannt wurde. Das Stadion der BSG Chemie Leipzig (der Verein hieß zu diesem Zeitpunkt noch SG Leutzsch) erhielt 1949 den Namen GeorgSchwarz-Sportpark.

Georg Schwarz wurde am 27. März 1896 in Zwenkau geboren. Er lernte den Bäckerberuf und nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Nach dieser Erfahrung kam er als Kriegsgegner von der Front zurück und begann, sich nach Ende des Krieges zunehmend politisch zu engagieren. Im Jahr 1918 trat er zunächst der SPD bei, im Jahr darauf wechselte er zur USPD. 1920 wurde er Mitglied der KPD.

In Leipzig arbeitete Schwarz als Metallarbeiter in der Firma „Schumann & Co.“, wo er als Betriebsratsmitglied nach einem Streik entlassen wurde. Ab 1921 war er in der Leutzscher Eisengießerei „Max Jahn“ beschäftigt. Hier wirkte er nebenher als Zellenleiter der KPD, Gewerkschaftsfunktionär und Betriebsratsvorsitzender. Im Jahr 1929 wurde Schwarz als Abgeordneter der KPD in den Sächsischen Landtag gewählt. Außerdem koordinierte er bis 1933 als Politischer Sekretär die kommunistische Parteiarbeit in den Bezirken Leipzig, Flöha und Zwenkau.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Schwarz in der Nacht vom 1. zum 2. März 1933 verhaftet und blieb bis 1934 in den Konzentrationslagern Hohnstein und Sachsenburg inhaftiert. Nach seiner Freilassung unterstützte er aktiv den illegalen Wiederaufbau der KPD-Organisationen in Leipzig und wirkte ab 1937/38 an deren Spitze mit.

Nachdem er 1942 Kriegsdienst absolvieren musste, schloss er sich 1943 der Widerstandsgruppe um Georg Schumann an, der sogenannten Schumann-Engert-Kresse-Gruppe. Diese war im Leipziger Raum tätig und galt als eine der größten kommunistischen Widerstandsgruppen. Zur Arbeit im Widerstand gehörte unter anderem das Verteilen von Flugblättern und das Verbreiten von Informationen. Schwarz arbeitete auch mit französischen Zwangsar-

beitern in Espenhain, die er mit politischen Neuigkeiten versorgte. Ab März 1944 war er außerdem für kurze Zeit Mitherausgeber der illegal erscheinenden Zeitung „Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft“.

Im Juli 1944 wurde Georg Schwarz, ebenso wie die meisten anderen Mitglieder der Gruppe, verhaftet. Am 23. und 24. November verurteilte der Dresdner Volksgerichtshof die Widerstandskämpfer zum Tode. Die Urteile gegen Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse wurden am 11. Januar 1945 im Hof des Dresdner Landgerichts vollstreckt. Georg Schwarz wurde einen Tag später im Alter von 48 Jahren gemeinsam mit William Zipperer, Arthur Hoffmann, Alfred Frank, Karl Jungbluth, Richard Lehmann, Wolfgang Heinze und anderen Widerstandskämpfern hingerichtet.

Zur Erinnerung an Georg-Schwarz stand seit dem 6. August 1966 ein Gedenkstein am Eingang des Sportparks (2). Dieser wurde Anfang 2000 entfernt und fand erst am 14. April 2013 den Weg zurück nach Leutzsch (3).

ALFRED KUNZE

Trainer
* 8. September 1909 in Leipzig
† 19. Juli 1996 in Leipzig
⚭ mit Hertha († 1976), ein Sohn, Spitzname „Der Coach“.

Sportlicher Werdegang:
Als Fußballspieler schaffte es Alfred Kunze bis in die Gauliga, die höchste deutsche Spielklasse in den dreißiger Jahren. Mit dem Sport begonnen hatte er 1926 beim VfL Südost. Nach dessen Auflösung wechselte er 1933 zu Wacker Leipzig, wo er sich mit seinem Bruder Herbert als Kunze I und Kunze II einen Namen machte. In Abwehr und Mittelfeld spielten sie einige Jahre Seite an Seite gegen damalige Größen wie den Dresdner SC, den PSV Chemnitz und den VfB Leipzig. Ein Beinbruch im Jahr 1938 bedeutete für Kunze das Karriereende mit nur 29 Jahren. Daraufhin begann Kunze, den alle Welt nur „Kuno“ nannte, bereits 1940 als Trainer im Nachwuchsbereich von Wacker zu arbeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich schon 1948 wieder als Trainer bei der TSG Stötteritz. 1950 wurde er zum Cheftrainer der DS-Liga berufen, was im Prinzip dem Rang eines Auswahltrainers entsprach. Allerdings durfte die neu gegründete DDR zu diesem Zeitpunkt noch keine Auswahlspiele bestreiten, da sie von der FIFA noch nicht anerkannt worden war. Bei den ersten inoffiziellen Länderspielen 1951 gegen Polen in Berlin und Leipzig betreute Kunze die inoffizielle DDR-Auswahl.

Im Jahr 1953, als Kunze bereits einen hervorragenden Ruf als Fußball-Theoretiker inne hatte und regelmäßig Texte dazu veröffentlichte, übernahm er seine erste Oberligamannschaft als Coach. Kurz darauf startete er als Trainer bei Chemie Leipzig (Sommer 1953). Nach der Auflösung des Vereines und der Neubildung des SC Lokomotive betreute er diese Mannschaft. Aufgrund von Querelen wechselte er allerdings nach Weimar, wurde später jedoch „begnadigt“ und kehrte zum SC Lok zurück. Dort arbeitete er bis 1963.

Bei der Neubildung des Leipziger Fußballs übernahm er dann die BSG Chemie Leipzig und feierte dort bis zum Jahr 1967 seine größten Erfolge (1,2). Kunze beendete seine Trainer-Tätigkeit auf eigenen Wunsch und arbeitete noch weitere zehn Jahre bis zu seiner Rente am „Wissenschaftlichen Zentrum“ des Fußballverbandes. Seinen Verein liebte er über alle Maßen und blieb ihm deshalb auch in Rat und Tat bis zu seinem Tod am 19. Juli 1996 verbunden.

Das Leben von Alfred Kunze währte 86 Jahre. Es ist nicht leicht, über ihn zu schreiben und dabei nicht in kritiklose Lobes-Hymnen zu verfallen. Denn jeder, der ihn kannte, spricht in höchsten Tönen von ihm. Sein Anteil an der sensationellen Meisterschaft 1964, am Höhenflug der Chemiker bis 1966 mit dem Gewinn des Pokalsieges, war überproportional. Seine psychologischen Fähigkeiten, deren Resultate entscheidende Wirkungen hervorbrachten, waren führend und seiner Zeit voraus. Seine Menschlichkeit und Bescheidenheit war schon damals selten und wäre auch heutzutage eine absolute Rarität.

Zu all diesen Eigenschaften gesellte sich eine weitere hinzu, die seinen Status als eine der großen Figuren des DDR-Fußballs auch moralisch begründet: seine Renitenz gegenüber der Obrigkeit, die sich mit ihren Handlungen immer wieder zwischen propagierter Rechtsstaatlichkeit und finstersten Anachronismen bewegte. So ist es kein Wunder, dass die Dellen in Kunzes Lebenslauf zahlreich und die Folgen unübersehbar sind.

Als Trainer des Armee-Vereins Vorwärts Leipzig beispielsweise wurde von ihm verlangt, sich nicht nur systemkonform, sondern als Vorbild auch eindeutig politisch zu positionieren. Fiel Kunze schon die Arbeit beim in Leipzig verhassten Verein äußerst schwer, wie er einmal in einem Gespräch viele Jahre später bestätigte, konnte er die weiteren Geschehnisse im Verein keinesfalls mittragen. Erst Monate zuvor mit sieben (!) Spielern der populären BSG Chemie Leipzig verstärkt, die mit allerlei Versprechen und auch Druck zum Wechsel veranlasst wurden, gerieten die Spiele von Vorwärts fortan zum Spießrutenlauf. Spielerische Konstanz und Selbstbewusstsein konnten so kaum entstehen, wechselhafte Resultate waren die Folge. Also verpflanzte die DDR-Sportführung den Verein kurzerhand quasi über Nacht nach Berlin.

Ruhe bekam man trotzdem nicht mehr hinein, der Abstieg war die Folge und das Experiment, einen starken Armeeclub zu etablieren, gescheitert. Als sich Kunze auch noch deutlich zu den Ereignissen des 17. Juni äußerte, war er untragbar für die Arbeit beim Armeeclub geworden und wurde auch von der DHfK, wo er nebenher als Dozent weiter gearbeitet hatte, gefeuert. Beinahe wäre seine Trainerkarriere damit beendet gewesen. Doch nach einem Gespräch mit SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich wurde ihm beschieden, er könne weiter als Trainer arbeiten, wenn er sich „loyal gegenüber unserem Staat“ verhalte.

1955 der nächste Aufreger: Kunze verließ nach Differenzen mit der Clubführung den SC Lokomotive und musste sich in Weimar und Halle bei unterklassigen Vereinen „bewähren“. Später holte man ihn zurück, wissend, dass man einen absoluten Experten verlieren würde.

1963 aber kam Kunze für das Traineramt beim neuen Superclub SC Leipzig nicht in Frage. Sogar für den Trainerjob bei der BSG Chemie, so geht es aus Akten der SED-Bezirksleitung hervor, hielt man ihn nur für begrenzt einsatzfähig. Er lasse „Mängel im Umgang mit den Spielern“ erkennen, weshalb man ihm Co-Trainer Heinz Frenzel an die Seite stellte. Angesichts des offensichtlichen Widerspruchs dieser Einschätzung bleibt die Ahnung, was die Funktionäre genau meinten: Sie zielten wohl auf die politische Beeinflussung der Spieler in ihrem Sinne ab. Da war von Kunze tatsächlich nicht viel zu erwarten. Seine Spieler achteten und verehrten ihn. Er genoss allerhöchsten Respekt, Despektierlichkeiten kannte man ihm gegenüber nicht. Das wird auch heute noch deutlich, wenn seine ehemaligen Spieler über ihn sprechen.

Alfred Kunzes Beruflicher Werdegang

"Er genoss allerhöchsten Respekt, Despektierlichkeiten kannte man ihm gegenüber nicht. Das wird auch heute noch deutlich, wenn seine ehemaligen Spieler über ihn sprechen. "

Horst Slaby

„Alfred Kunze hatte entscheidenden Anteil am Meisterschaftsgewinn. Hätten wir einen Choleriker oder Ehrgeizling als Trainer gehabt, wäre das mit dem Titel nichts geworden. Alfred war ein ausgleichender Typ, der nicht im Vordergrund stehen wollte. Er war allseits anerkannt, machte das Training nicht zu kompliziert. Und er redete viel mit uns Spielern. Einmal liefen wir von Leutzsch bis zum Waldplatz, weil keine Straßenbahnen fuhren, und wir haben über Gott und die Welt geredet. Alfred verstand uns, wusste, was wir dachten und wollten. Der ‚Schere‘ war doch ein Pulverkopp, aber mit dem vielen Reden brachte er auch ihn unter Kontrolle. Für ihn war der englische Fußball Vorbild. Viel sprach er vom englischen Trainer Winterbottom, der einmal in der DDR referiert und ihn dabei beeindruckt hatte. BSG-Leiter Otto Thiele musste ihn seinerzeit fast schon drängen, dass er Klartext mit uns redete: Du musst jetzt auch mal nach außen sagen, dass wir die Meisterschaft gewinnen wollen. Das kann sonst auch kippen!“

Thomas Kühn

„Er hielt die Spieler bei Spaß und Laune“

Bernd Bauchspieß

„Ich habe ja zweimal für je vier Wochen bei ihm gewohnt, als ich für mein Staatsexamen lernen musste. Bei mir in der Rosa-Luxemburg-Straße war es viel zu laut, da konnte ich mich kaum konzentrieren, wenn die Straßenbahn vorbeiratterte. Ich durfte im Zimmer seines Sohnes wohnen, den Kühlschrank mitbenutzen – ich war wie ein Sohn in diesem Moment. Er hat mir auch das ‚Du‘ mehrfach angeboten, aber da hatte ich viel zu viel Respekt, um das anzunehmen. Er war nicht nur Trainer, sondern auch ein Pädagoge mit Weitblick.“

Heinz Herrmann

„Ein absoluter Fachmann. Motivation brauchten wir ja eigentlich nicht. Alfred Kunzes Frau Hertha spielte eine sehr große Rolle. Sie unternahm viel mit den Spielerfrauen, war immer für sie da, so dass auch private Probleme gewälzt wurden. Die Frauen standen voll und ganz hinter ihren Männern, waren bei den Spielen dabei, fieberten dort mit und verteidigten ihre besseren Hälften auch schon mal. Wenn auf einer Tribüne irgendwo im Land – VIP-Logen kannte man zu jener Zeit nicht – abfällige Bemerkungen über Chemie fielen, war da schnell auch mal ein Schuh oder Schirm zur Hand. Das waren in dieser Beziehung ganz harte Mädels, sehr temperamentvoll, zum Teil fanatisch. Es war eine große Familie in grün-weiß. Es konnte auch vorkommen, dass im Trainingslager plötzlich ein Bus mit Frauen und Kindern um die Ecke gebogen kam, um einen gemeinsamen Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Frauen zu verbringen. Alfred Kunze und seine kongeniale Partnerin Hertha wussten, was den Spielern gut tat und wir zahlten es mit Leistung und Willen zurück.“

Wolfgang Krause

„Für ihn war die Meisterschaft das Größte, sein Lebenstraum. Es hat ihn schon ganz schön mitgenommen, er hat auch in der Kabine ein paar Tränen verdrückt. Er ging sehr individuell auf die Spieler ein, es gab viele Einzelgespräche. Als Taktiker war er ein Fuchs, und er sagte einem individuell Dinge, die er vor versammelter Mannschaft nie gesagt hätte. So wusste man immer, woran man war. Und er wusste, wann er was sagen musste. Er hat ja das Team des Öfteren umgestellt. Das hat er den betreffenden Spielern sehr gut vermittelt. Er war nicht streng, hat nie getobt – eher wie ein Vater, der natürliche Autorität hat. Und wir haben ihn sehr sehr ernst genommen. Er hatte unseren vollsten Respekt. Es hat ihm auch nie jemand widersprochen. Und wenn es doch mal Differenzen in der Mannschaft gab, glättete er diese rasch – er wollte Harmonie im Team. Er nutzte natürlich auch Psychosprüche zum Anstacheln seiner Spieler.“ Vor dem Ortsderby hieß es: Denkt daran Jungs: Da drüben stehen die Besseren! Den Titel hat uns der Trainer ein bisschen eingeredet. Als er sagte: ‚Jetzt wollen wir alles, es ist egal, ob wir Dritter oder Vierter werden, wenn es nicht klappt. Aber jetzt versuchen wir das!‘, da gab es kein Angstgefühl mehr. Was sollte uns passieren?“

Dieter Scherbarth

„Er versuchte, uns Spieler nicht zu verwöhnen. Dazu gehörte wohl auch, das wenige Geld noch nach unten zu drücken, so dass man gar nicht erst in Versuchung kam, übermütig zu werden.“

Wolfgang Behla

„In Sachen Taktik und Spielsystem wusste jeder, was er zu tun hatte. Was Alfred Kunze gesagt hat, wurde auch so umgesetzt – auch, wenn man mal nicht so ganz einverstanden war.“

Klaus Lisiewicz

„Seine Fähigkeiten als Psychologe waren hervorragend. Wir wohnten ja nicht nur im gleichen Haus, sondern auch noch direkt in der Wohnung neben ihm in der Leninstraße (heutige Prager Straße) 163. Wenn wir vom Auswärtsspiel kamen, wurde Kunze immer bei sich abgesetzt und wir Spieler fuhren noch weiter, um irgendwo noch zu sitzen, ein Bierchen zu trinken und das Geschehene auszuwerten. Alfred Kunze schlich oft auf Socken die knarrenden Holztreppen hinauf um keinen Lärm zu machen und meiner Frau nicht zu signalisieren, dass wir zurück seien und sie sich nicht fragte, wo ich eigentlich geblieben war. Auch seine Frau Hertha spielte mit und sagte am nächsten Tag zu meiner Frau, dass wir wieder sehr spät nach Hause gekommen wären. So rücksichtsvoll war der Trainer. Er prägte den Spruch ‚Vom Kampf zum Spiel‘. Entscheidenden Anteil hatte Alfred Kunze durch seine taktischen Fähigkeiten und seine einfühlsame Art uns Spielern gegenüber. Er stellte uns gut auf den Gegner ein, wertete sachlich-freundschaftlich aus, niemand wurde niedergemacht, wenn es mal nicht so gut gelaufen war – wenn, wurde das im Einzelgespräch angesprochen.“

Eberhard Dallagrazia

„Er fand immer die richtigen Worte, mit denen er die Spieler auch erreichte. Er sagte manchmal: ‚Schaut raus, wie viele Leute euch sehen wollen, gebt das Beste und enttäuscht diese Menschen nicht!‘ Da bekam man regelrecht Gänsehaut. Das ging schon nahe.“

DAMMSITZ

2721 Sitzplätze

Bau und Historie:
In seiner heutigen Form gibt es den Dammsitz seit 1966. Bis dahin war der Bereich noch ein reiner Stehplatzwall. In den fünfziger und sechziger Jahren standen hier (und direkt neben dem Spielereingang) die lautesten Fans (1,2). Erst 1972 wurde der Norddamm zum Zentrum der Gesänge und Fahnen. In der Nachwendezeit wechselte der aktive Fanblock abermals auf den Dammsitz. Dies hatte einen einfachen Grund: Zur Oberliga Rückrunde 1990/91 gab es nur noch einen Eintrittspreis für alle Plätze und der mit dem gesellschaftlichen und demografischen Wandel verbundene Zuschauerschwund machte auch vor Chemie nicht halt. Und so sammelte sich der harte Kern auf dem Dammsitz und peitschte von dort mit kräftigen „Schäääämieeee“-Schlachtrufen die Mannschaft vorwärts. Bis zum Jahr 2001 als jüngere Fans um die Diablos mit der Aktion „Sitzen ist für´n Arsch“ mobil für die Stehplätze machten und sich das Stimmungszentrum peu à peu erneut verlagerte. Der Dammsitz wurde in zwei Schritten saniert. Zunächst wurden 1991 die Bänke – aus Sprelacart auf denen man beliebig eng sitzen konnte – durch Schalensitze ersetzt.

Als im Jahr 2000 neue Schalensitze aus dem Zentralstadion kamen, wurden sie im großen Rahmen ausgetauscht. Da diese aber gelb waren, pinselte man sie kurzerhand grün an und ergänzte den weißen Schriftzug „SACHSEN LEIPZIG“, der vor wenigen Jahren in „BSG CHEMIE LEIPZIG 1964“ umgewandelt wurde (3).

Was ist zu tun
  • Erneuerung defekter Sitzschalen
  • witterungsbeständige Farbgebung der Sitzschalen
  • Tausch bzw. Neuausrichtung der teils versunkenen Traversen
  • Tausch von defekten Tor- und Zaunbereichen

Geschichten:
Am 25. September 1999 springt Bela Virag auf den Dammsitzzaun Höhe Block B. Wenige Sekunden vorher hat er ein entscheidendes Tor geköpft: das 2:0 gegen den damaligen VfB Leipzig. Mit dem Tor macht er den ersten Derbysieg eines Leutzscher Vereins nach mehr als 23 Jahren perfekt. Nervensäge für Linienrichter und Dammsitzbesucher: Bis weit in die Neunziger ging, als letzter Chemiker seiner Art, Erwin den Zaun entlang – immer auf Höhe des Linienrichters. Einziger erkennbarer Sinn: Mit Beleidigungen und wenig sachkundigen Kommentaren Einfluss nehmen auf die Entscheidungen des Linienrichters. Von diesen „Prachtexemplaren“ gab es über die Jahrzehnte diverse Vertreter. Manche waren mehr oder weniger sogar originell, andere ausschließlich peinlich. Am 29. September 1990 flogen in der 83. Minute des Oberligaspiels gegen Carl Zeiss Jena Bier- und Coladosen auf das Spiel feld. Ein Wink des Linienrichters und der Pfiff von Schiedsrichter Kirschen waren die Auslöser – der 1:1-Ausgleich zählt nicht. Der Schiedsrichter, dessen Auto bei einem Spiel 1971 in Leutzsch schon einmal umgeworfen wurde, brach das Spiel ab. Und diesmal wurde sein Wagen erneut komplett demoliert. Es war der einzige Spielabbruch in der Geschichte der DDR-Oberliga. Auf dem Dammsitz war auch der Standort der großen Schiffsglocke. Irgendwer hatte sie mal mit ins Stadion geschleppt. Da stand sie dann über die Jahre und wurde hin und wieder geläutet. Auch eine Sirene gab es, die mit dringlichem Alarmton die Angriffe der Chemiker einleitete. Ebenso legendär wurden die großen Rasseln, die einen durchdringenden ratschenden Ton abgaben und einiges an Gewicht mitbrachten. All diese „Instrumente“ begründeten den Ruf der Leutzscher Atmosphäre und brachten in den sechziger Jahren eine erregte, in den Medien geführte Diskussion hervor, ob die Lärminstrumente zu „unserer Atmosphäre auf den Fußballplätzen“ gehören würden oder nicht. Die „Schiedsrichterumentscheidung“: Es war der 11. Oktober 1986. Um 16:15 Uhr lag die BSG Chemie nach 90 Minuten gegen Motor Nordhausen in der ersten Runde des FDGB-Pokals mit 0:1 Toren hinten. Teile der 2.600 Fans hatten den Georg-Schwarz-Sportpark frustriert verlassen. Im Mittelfeld – direkt vor dem Dammsitz – foulte ein Nordhäuser Spieler einen Chemiker und bekam dafür noch einen Freistoß für seine Farben zugesprochen. Die Fans kochten und stießen ein Tor zum Spielfeld auf. Einige rannten auf den Schiri Stenzel zu, schrien ihn erbost an und drohten mit den Fäusten. Die herbeieilenden Ordner konnten die Lage nur schwer beruhigen. Nach fünf Minuten waren alle Fans auf den Dammsitz zurückgedrängt und das Tor wieder geschlossen. Das Spiel wurde jedoch überraschend von Schiri Stenzel mit einem Freistoß für Chemie fortgesetzt. Es folgte ein langer Ball in den Strafraum und Barth schob den Ball für die BSG zum vielumjubelten Ausgleich ein. Nun kamen viele der Chemiker, die den Georg-SchwarzSportpark verlassen hatten, wieder zurück und bejubelten das 2:1 (Torschütze Turnier) nach Verlängerung. In dieser Pokalsaison schaffte man es dann bis ins Viertelfinale, in dem das Spiel bei Hansa Rostock nach langer Führung nur knapp verloren wurde.

Am 10. Mai 2014 jährte sich der Gewinn der legendären Meisterschaft von 1964 zum 50. Mal. Glücklicherweise fiel das Datum auf einen Spieltag und da der ESV Delitzsch einwilligte, wurde aus dem eigentlichen Auswärtsspiel ein Heimspiel. Keine Frage, die Helden von damals sollten da gebührend gefeiert werden. Los ging es mit einer großen Choreografie. Überall im Stadion waren zudem Tafeln aufgestellt, die an den „Rest von Leutzsch“ erinnerten. Mitte der 2. Halbzeit traf dann der Bus mit den Meisterspielern ein und die Aufregung im Publikum stieg. „Sind auch alle mit nach Leutzsch gekommen?!“ Dann der Abpfiff: Chemie besiegt Delitzsch mit 1:0. Zum Abklatschen blieb diesmal aber keine Zeit, denn alle Chemiker wurden aufgerufen, auf den Dammsitz zu kommen. Zusätzlich haben die Ultras die „Haltet die BSG in Ehren, dass sie niemals untergeht“-Zaunfahne hinübergetragen. Kurze Zeit später brennen unzählige Bengalos und der „Rest von Leipzig“ wird mit tosendem Applaus gefeiert. Zum darauffolgenden Abklatschen werden wie früher hunderte Blumen auf das Feld geworfen... Gänsehaut pur (4)!

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