Platzkampf

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Gepostet: 01.10.2017

Platzkampf

Kreuzer - Platzkampf

Beitrag aus der Septemberausgabe des Kreuzer zur Situation der Fußballplätze in Leipzig.

Leipzig möchte eine der auserwählten Fußball-EM-Städte 2024 werden. Die Realität auf den Plätzen sieht etwas anders aus.

Die porösen Feuerwehrschläuche, die sich vor dem Freundschaftsspiel der BSG Chemie gegen Eintracht Frankfurt vor einem Jahr im Alfred-Kunze-Sportpark kräuselten, ließen nicht nur beim Frankfurter Vorstandsmitglied Axel Hellmann Erinnerungen an längst vergangene Fußballzeiten aufkommen. Kein Jahr später rieselte das Wasser zum Regionalligaauftakt gegen Lok aus einer etwas moderneren Bewässerungsanlage. Finanziert aus Eigenmitteln und mit Sponsorenhilfe wurde sie in der Sommerpause verlegt. Die Neuerung stellt – wie andernorts in Leipzig auch – den gern zitierten Tropfen auf dem heißen Stein dar – vor allem, wenn es sich um »altehrwürdige« Sportstätten handelt. An denen es der Stadt wahrlich nicht mangelt. Fußball boomt und ist im Bereich »männlich« die mitgliederstärkste Mannschaftssportart. Bereits vor drei Jahren vermeldeten einige Vereine Aufnahmestopps.
Ungeachtet dessen bewarb sich die Stadt als Austragungsort für die Fußball-Europameisterschaft 2024. Der Deutsche Fußball-Bund gibt in diesem Monat bekannt, mit welchen zehn Städten er sich bei der UEFA gegen Mitkonkurrent Türkei meldet. Sportbürgermeister  Heiko Rosenthal schaut dem Prozedere zukunftsgewiss entgegen, denn er geht davon aus, »dass die Bewerbung überzeugt«. Leipzig konkurriert mit Berlin, Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Gelsenkirchen, Hamburg, Hannover, Köln, Mönchengladbach, München, Nürnberg und Stuttgart. Für die Vergabe sprechen ein großes Stadion, eine gute Infrastruktur sowie Übungsplätze. Zudem möchte der DFB keine Ecke des Landes vernachlässigen, weshalb Leipzig wieder einmal auf den Ostbonus setzen kann. Hermann Winkler, der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes, kritisierte an der Bewerbung, dass bisher nicht explizit der Nutzen »für unsere Leipziger Amateurvereine« erklärt wurde. Wichtig für die Basis sind seiner Meinung nach »Neubau oder Sanierungsmaßnahmen für mangelhafte Trainingsstätten«. Auf Anfrage erklärte er: »Mir ist leider auch keine Reaktion der Stadt Leipzig bekannt, diesen Umstand zu ändern.« Sportbürgermeister Rosenthal begegnet der Kritik ganz positiv, denn er weiß, dass »kein Vorzeigeprojekt ausreicht, sondern wir brauchen ein Infrastrukturprojekt, so dass sich der Rest entwickelt«.

Der Rest von Leipzig
Dem »Rest« soll das 2016 verabschiedete »Sportprogramm 2024 für die Stadt Leipzig« helfen. Dazu erklärte das Sportamt: »Wir haben nach erforderlicher wissenschaftlicher Systematik und in praxisnaher Anwendung unseren Bestand durchforstet, um Optimierungspotenziale zu finden.« Heraus kam, dass erstens in Leipzig relativ wenig genormte Groß- und Kleinfelder existieren, zweitens die Plätze effektiver genutzt werden müssen. Dafür tauchen im Programm drei Zauberformeln auf: Kunstrasenplätze, mehr Geld für Investitionen (1,5 Millionen Euro jährlich) sowie der erhöhte Zuschuss für Schulsport von 3,50 auf 20 Euro pro Schüler im Jahr. Der Sportbürgermeister möchte, dass die neuen finanziellen Mittel so zum Einsatz gelangen, dass sie »tatsächlich auch sichtbar für die Sporttreibenden vor Ort« werden. Er weiß allerdings auch, »dass man in dieser Stadt das Doppelte und Dreifache ausgeben kann, wenn man sich die Situation auf den Plätzen (Umkleide, sanitäre Einrichtungen, Heizung, Abwasser) ansieht«. Woher stammt dieser gewaltige Investitionsrückstand? Fällt dies besonders auf, weil Red Bull dem Leipziger Erstligisten ein Trainingsgelände zur Verfügung stellte, das die Altehrwürdigkeit der anderen umso mehr verdeutlicht?

Kerstin Kirmes, die Sportamtsleiterin, gibt zu bedenken: »Wir müssen mal ehrlich sein, die meisten Anlagen waren schon 1991/92 nicht im besten Zustand. Aber die Verpachtung war der einzige Weg, die Vielfalt zu erhalten.« Vor 1989 finanzierte der jeweilige Träger die Pflege, und so waren fest angestellte Platzwarte die Norm. 1992 beschloss der Stadtrat, dass die Plätze für 30 Jahre von den Vereinen gepachtet werden können. Die Dauer verlängert sich je nach Größe und Zweckgebundenheit von Investitionen um acht bis 25 Jahre. Bis heute sind fast alle Anlagen verpachtet, aber – so Kirmes – »sie sind eine infrastrukturelle Herausforderung, weil über die Jahre nicht jeder Pächter in Abstimmung mit dem Eigentümer gehandelt hat oder auf Verschleiß aus war«. Für die in den nächsten Jahren auslaufenden Verträge hat das Amt scharfe Kriterien formuliert. Bei negativer Prüfung des Bau- und Ausstattungszustandes kann die Anlage »anderen, wirtschaftlich leistungsfähigeren oder mitgliederstärkeren Sportvereinen« angeboten werden. Die Stadt spricht von »Sorgenkindern«, die bisher auf Verschleiß aus waren. Daher kündigte das Sportamt dem SV Azubi in der Teichstraße. Der Rote Stern Leipzig nutzt seit Mai das Gelände. Er hatte als einziger Bewerber ein Konzept eingereicht. Für nächstes Jahr wird ein Pachtvertrag in Aussicht gestellt. Der SV Wacker Leipzig, der die Anlage Mariannenpark und das Wackerbad gepachtet hatte, weigerte sich, die Kündigung anzuerkennen, und wehrt sich gegen die Räumungsklage vor Gericht. Zur Seite steht ihm Rechtsanwalt Arndt Hohnstädter, der nicht nur Legida-Demos organisierte, sondern sich für die nicht nur im Sportfeld bekannten Enrico Böhm und Benjamin Brinsa engagierte. Regionalligist Lok Leipzig peilt 2020 den Aufstieg in die Dritte Liga an. Für das 1922 eingeweihte Stadion in Probstheida besitzt der Club einen Erbbaurechtsvertrag, was ein Alleinstellungsmerkmal im Leipziger Sport bedeutet. Pressesprecher Alexander Voigt erklärt die engagierten Ziele: »Im Zeitraum von 2013 bis 2020 wird mehr in das Bruno-Plache-Stadion investiert als in den letzten 40 Jahren und im Zeitraum bis 2025 mehr als in den letzten 80 Jahren.« Konkret heißt das, dass 2017 eine Million Euro in die Infrastruktur gesteckt werden. So erhöhte sich die Platzanzahl auf 10.900, in zwei Jahren auf 13.000 Zuschauer. Es folgen unter anderem ein Kunstrasenplatz und ein Familienblock.
Die Südkampfbahn in der Raschwitzer Straße von Eintracht Leipzig-Süd ist derzeit eine einzige Baustelle. Hier entstehen zwei normale und ein verkürztes Großfeld mit Dränagen-System und Maulwurfsperren. Ziel ist es laut Verein, »eine DER Topadressen im Leipziger Nachwuchsfußball zu werden«.

Die überforderte Stadt

Anstelle eines Nutzungsvertrages strebt die BSG Chemie Leipzig einen baldigen Pachtvertrag für den Alfred-Kunze-Sportpark (AKS) an. Sie legte dem Sportamt ein sportfachliches Nutzungskonzept mit einem anerkannten DFB-Leistungszentrum vor. Sportamtsleiterin Kirmes stellte dazu fest: »Es gab ein sehr sorgsam ausgearbeitetes Konzept der BSG Chemie Leipzig. Was uns sehr gefreut hat: dass sie sich auf den Nachwuchsbereich konzentrieren will. Was wir diskutiert haben, ist der Maßstab. Kann die Stadt diesen sehr hohen Maßstab mit unterstützen oder ist sie überfordert? Im Klartext: Sie ist überfordert.« Nun soll mit einem neuen Konzept der Vertrag möglichst bald unterschrieben werden, denn laut Chemie-Bauverantwortlichem Dirk Skoruppa läuft der Bewilligungsbescheid für einen Kunstrasenplatz Ende des Jahres aus. Die Regionalliga-Lizenz sieht zudem innerhalb von zwei Jahren eine Flutlichtanlage vor. Ihr Anschaffungspreis im mittleren sechsstelligen Bereich soll – so schlug die aktive Fanszene vor – mit Benefizspielen alle Vierteljahre unter dem Motto »Vier Spiele – vier Masten« finanziert werden. Am 2. September gastiert die U 23 von Schalke 04 im AKS. Darüber hinaus muss noch vieles in Leutzsch passieren, um nicht nur die Spielklasse der 1. Mannschaft zu halten, sondern einen schlagkräftigen Nachwuchsbereich zu etablieren.

Option: Fusion

Eine andere Variante, um Plätze intensiver nutzen und betreuen zu können, stellen Vereine  mit großer Mitgliederzahl dar. Dies unterstützt die Stadt mit einer Fusionsprämie. Der erste Verein, den die Stadt als Vorbild benennt, ist der im Juni mit 500 Mitgliedern entstandene FC
Blau-Weiß Leipzig. Es fusionierten der Verein für Körperkultur Blau-Weiß Leipzig 1892 (Stadion der Freundschaft, Kantatenweg), der Verein für Turnen und Bewegungsspiele, TuB (Kurt-Kresse- Kampfbahn, Diezmannstraße) und Leipzig United F.C., der in der  Gemeinschaftsunterkunft in der Grünauer Liliensteinstraße Straßenfußball anbietet und mit Nachwuchsmannschaften des VfK seit zwei Spielzeiten in Spielgemeinschaften antritt. Auf der historisch anmutenden Kurt-Kresse- Kampfbahn geht es jetzt um die Notsicherung.
Bis zum Jahresende soll ein Baukonzept entwickelt werden, um den Nachwuchsmannschaften für den angestrebten leistungsorientierten Ausbildungsansatz ein modernes Umfeld zu schaffen.

Der Platzhirsch 

Scheinbar sorgenlos präsentiert sich der Erstligist. Die Nachwuchsmannschaften trainieren auf dem Gelände der Sportschule »Egidius Braun« in Abtnaundorf, die Mädchen und Frauen am Gontardweg sowie die Mannschaften von der U13 bis zur Ersten am Cottaweg. Hier wurden nach der Eröffnung noch Erweiterungen  vorgenommen, um fehlende Trainingsorte zu kompensieren. Für Heiko Rosenthal steht allerdings das Kleinmessegelände zur vollständigen Übernahme nicht zur Debatte. Obwohl die Stadt – so der Sportbürgermeister – dem Erstligisten gern unter die Arme greift. Bei RB selbst liegt der derzeitige »Fokus auf der Red Bull Arena, es gibt allerdings noch keinen aktuellen Ausbauzeitplan«. Die Platzkontingente für den Nachwuchsbereich sind ausreichend, so RB weiter, mit dem Zusatz: »Es ist aber ganz normal, dass man sich immer Gedanken macht, wie man etwas verbessern kann. Und dementsprechend ist auch immer der Punkt der Trainingsplätze allgegenwärtig in der mittel- und langfristigen Planung.« Für weitere Bewegungen auf den Sportplätzen ist gesorgt. Die Stadt selbst möchte »als eine große Fußballfamilie wahrgenommen« werden. Das ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine mehr als sportliche Herausforderung. 

BRITT SCHLEHAHN

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